Das Jahr der Qualle

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War es ein gutes Jahr? Die Nein-Liste ist lang. Ich schreibe auf,  was nicht möglich war. Die ausgefallenen Feste. Die fehlenden Umarmungen. Den immer noch nicht aufgeräumten Schrank. Die nicht besuchten Mütter.

Dann ein Absatz. Ich schreibe auf, was mir zu groß war. Dann das, woran ich mal wieder scheiterte. All die Dinge, die ich hätte besser machen sollen. Die alle gemeinsam hätten besser machen sollen – und es nicht wollten oder nicht konnten.

Dann setze ich ein Fragezeichen. Warum fällt mir am Ende eines Jahres immer nur eine Verliererliste ein. Warum denke ich überhaupt in Gewinn und Verlust. In den Schlagzeilen kommt das immer gut: Gewinner der Pandemie sind die Internetkonzerne, die Lieferdienste. Und verloren haben mal wieder die Alleinerziehenden, der Einzelhandel, die Kunstszene, die Gastronomie und der heilige Dreiklang „Arme, Schwache, Kranke“. In vielen Leben steht da heute ein dickes „Nein.“ Gutes besiegt von den Umständen. Schachmatt gesetzt in zwölf Zügen. Kein Ausweg in Sicht.

Die Künstlerin Yoko Ono entwarf 1966 ein Schachspiel ganz in Weiß. Es konnte nicht gespielt werden. Die Spielidee von Siegern und Besiegten funktionierte ohne die schwarzen Figuren einfach nicht. Das Schachspiel wurde einst als Kriegsspiel erfunden. Ganz in weiß feierte es den friedlichen Kompromiss. 

Ausgerechnet diese Ausstellung sollte John Lennon, schon berühmt durch die Beatles, besuchen. Er war irritiert von dem Schachbrett. Stieg aber trotzdem auf die Leiter eines weiteren Kunstwerkes von Ono. Ganz oben hing eine Lupe. Mit ihrer Hilfe konnte er einen winzigen Zettel entziffern, der an der Decke klebte. Darauf stand nur ein Wort: „Yes“. 

Er kam sich vor wie ein Idiot, erzählte er später. Wenn da ein „Nein“ gestanden hätte, wäre er gegangen. Aber dieses „Ja“ rührte ihn. 

„Ja“, sollten die beiden dann auch zueinander sagen. Sollten eine Ehe führen mit manchmal peinlichen, oft genug aber spektakulären Kunstaktionen. Immer schwang darin ein „Ja“ mit. Das Ja zum Leben, zu der Liebe, zum Frieden, zu Visionen. 

„Ja-Sager“ leben gefährlich. Werden ausgenutzt, übers Ohr gehauen, lese ich in diversen Ratgebern. „Lerne endlich Nein zu sagen in vier einfachen Schritten.“ Da ist was dran, wenn von der anderen Seite eine positive Antwort erwartet wird. Positiv nur für den Fragenden, nicht für den Antwortenden. Nein, niemand muss zu allem und jederzeit „Ja“ und „Amen“ sagen. Noch nicht einmal in der Kirche. 

Wann muss ich „Ja“ sagen zu meinem Leben? Wenn es gerade gewirbelt wird, wenn die Zukunft, die finanziellen Absicherungen nur noch ein Flickenteppich sind. Wenn die Sorge, als ungebetener Gast am Frühstückstisch sitzt und einfach nicht mehr gehen will. 

Ich könnte jetzt etwas aus der Bibel zitieren. Nützt nur nichts. Füllt nicht das Bankkonto oder den Einkaufswagen, bringt keine Aufträge oder neue Kunden. 

Ich kann nur erzählen, was ich mit meiner Nein-Liste gemacht habe. Sie ist im Altpapiercontainer gelandet. Einen Fitzel Papier habe ich aufgehoben. Ein „Ja“ darauf geschrieben. Ein „Ja“ für das kommende Jahr. Damit ich hellsichtig werde für all die Wunder, die es mir vor die Füße werfen wird. Für all die Stolpersteine, die sich vielleicht zu schützenden Mauern verfugen lassen. Für Quallen, die seit 670 Millionen Jahren in den Ozeanen leben. Die kein Gehirn haben und  sich dennoch selbst reparieren können. Die sogar leuchten können. 

Menschen sind viel komplexere Wesen. Aber auch sie leuchten, wenn sie lächeln, lieben, Gutes tun.

Kerstin Hanke, Pfarrerin

Bildnachweis: Gernot Hoersch

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